Ich schaue ein YouTube-Video. Ein junger Mann fährt mit dem Rennrad quer durch Deutschland, 200 Kilometer am Tag, in viereinhalb Tagen von der dänischen Grenze bis zum Bodensee. Er trinkt aus einem Schlauch, isst Schokoriegel während der Fahrt, trackt alles. Und redet dabei in die Kamera.
„Ich bin zwei Stunden unterwegs, das heißt, die nächsten Carbs müssen rein. 100 Gramm Datteln haben 65 Gramm Kohlenhydrate, eine Dattel sind sieben Gramm, das heißt zehn Stück sind siebzig Gramm, machen wir also erstmal vierzehn Datteln, nein besser nur dreizehn Datteln für den Anfang."
Ich bleibe hängen. Nicht wegen der Datteln. Sondern wegen der Art, wie dieser Mensch spricht, rechnet, lebt.
Hier isst niemand, weil er Hunger hat. Hier isst jemand, weil das System Energie nachlädt. Der Körper ist kein Körper mehr, er ist eine Maschine. Die Natur ist keine Natur mehr, sie ist Kulisse für ein Projekt. Die Reise ist keine Begegnung, sie ist ein Beweis.
Ich frage mich: Was passiert, wenn man so lebt? Wenn man immer weiter funktioniert, immer weiter optimiert, immer weiter trackt? Wird die Welt dann irgendwann stumm? Antwortet sie nicht mehr?
Ich denke an Hartmut Rosa, an sein Bild vom „monströsen Gesicht" der Welt. Es beschreibt den Moment, in dem sich die Welt nicht mehr berühren lässt, weil man versucht hat, sie vollkommen verfügbar zu machen. Das Leben wehrt sich nicht mit Wut. Es wehrt sich mit Stille. Es zieht sich zurück, wenn man es zu fest greift.
Ich glaube, ich habe das in diesem Video gespürt. Da war jemand, der alles richtig machte und trotzdem nichts erlebte. Jemand, der Deutschland durchquerte und dabei Deutschland verpasste.
Ich erinnere mich an mich selbst. Wie ich esse, wenn ich Hunger habe. Wie ich gehe, ohne Plan. Wie ich manchmal einfach stehen bleibe, weil ein Licht schön ist oder ein Duft mich anspricht. Wie ich nicht dreizehn Datteln zähle, sondern einfach merke: Das reicht jetzt.
Das ist kein besseres Leben. Kein perfekteres Leben. Aber es ist ein durchlässiges Leben. Eines, das antwortet, wenn die Welt ruft. Eines, das sich berühren lässt.
Der Radfahrer wird sein Ziel erreicht haben. Er wird am Bodensee angekommen sein, wird sein Tracking beendet haben, wird zufrieden gewesen sein mit seinen Zahlen. Aber ich frage mich, ob er auch nur einen einzigen Moment hatte, in dem er nicht funktioniert hat. Einen Moment, in dem er einfach da war, ohne Plan, ohne Ziel, ohne Dattel-Kalkulation im Kopf.
Vielleicht nicht. Vielleicht braucht er das auch nicht. Vielleicht ist sein Weg ein anderer.
Aber ich weiß, welchen Weg ich gehen will. Ich will kein Leben mit dreizehn Datteln nach Plan. Ich will ein Leben, in dem ich wieder schmecke, wann ich satt bin. In dem ich merke, wann der Moment genug ist. In dem die Welt nicht stumm bleibt, weil ich aufgehört habe, sie verfügbar machen zu wollen.
Manchmal reicht eine Dattel. Manchmal reichen null. Manchmal braucht es zwanzig.
Der Körper weiß es. Man muss ihm nur zuhören.