Ich sitze oft in Cafés. In Restaurants. Auf Terrassen. Ich bin fast immer allein.
Ich habe keinen Laptop dabei, kein Buch vor mir, kein Telefon am Ohr. Ich schaue. Ich höre. Ich bin. Und jedes Mal stelle ich wieder fest: Ich bin der Einzige ohne Begleitung.
Die Menschen um mich herum kommen zu zweit, zu dritt, in Gruppen. Sie reden, sie lachen, sie fotografieren ihr Essen, sie scrollen durch Nachrichten. Sie wirken beschäftigt, auch miteinander. Ich sitze da. Bestelle vielleicht einen Cappuccino. Vielleicht ein Glas Wein. Mehr nicht.
Manchmal werde ich angeschaut. Kurz. Fragend. Vielleicht denken sie: Wartet der auf jemanden? Ist der einsam? Was macht der da?
Die Antwort ist einfacher als die Frage: Ich warte auf niemanden. Ich bin nicht einsam. Ich bin nicht verloren. Ich bin anwesend.
Das klingt wie eine Floskel, aber es ist das Gegenteil. Anwesend sein heißt, die Welt nicht als Hintergrundgeräusch zu behandeln. Anwesend sein heißt, den Kellner zu sehen, der lächelt, obwohl er müde ist. Die Gespräche an anderen Tischen zu hören, wie sie kippen, von oberflächlich zu ehrlich. Die Kinder zu beobachten, wie sie aus Servietten kleine Zelte bauen. Die Paare zu sehen, die schweigen und trotzdem verbunden sind.
Ich sehe das alles. Weil ich nicht abgelenkt bin. Weil ich nicht auf mein Handy schaue, nicht in einem Gespräch stecke, nicht warte. Ich bin einfach da.
Manchmal entstehen daraus Gespräche. Ein Blickkontakt. Ein Nicken. Ein Satz wie: Ist der Platz noch frei? Oder: Wunderschöner Tag heute, oder? Und dann: ein Moment. Ein echtes, feines Zwischen. Zwei Menschen, die sich kurz sehen, wirklich sehen, und dann wieder in ihre eigenen Welten verschwinden.
Ich suche das nicht. Aber ich bin offen dafür. Und vielleicht ist das der Unterschied.
Ich sitze dort nicht, um gesehen zu werden. Und doch werde ich oft wahrgenommen. Ich glaube, das liegt daran, dass ich ganz da bin. Dass ich in mir ruhe. Und diese Ruhe offenbar sichtbar ist.
Es ist, als würde mein Alleinsein anderen eine stille Erlaubnis geben. Die Erlaubnis, auch einmal nur zu sein. Ohne Ziel, ohne Begleitung, ohne Rolle. Einfach da.
Früher hätte mich das verunsichert. Allein in einem Restaurant sitzen, während alle anderen in Gruppen kommen. Ich hätte gedacht, ich wirke seltsam. Ich hätte ein Buch mitgenommen, um beschäftigt auszusehen. Um eine Rechtfertigung zu haben.
Heute brauche ich keine Rechtfertigung. Ich bin nicht allein, weil niemand mitkommen wollte. Ich bin allein, weil ich so am meisten wahrnehme. Weil meine Aufmerksamkeit ungeteilt ist. Weil die Welt lauter spricht, wenn ich nicht gleichzeitig Gespräche führe.
Ich bin allein. Aber nie abgeschnitten. Ich bin in Verbindung mit dem Ort, mit dem Moment, mit der Welt. Und manchmal mit einem anderen Menschen, der das spürt.
Es gibt ein Wort dafür, das ich lange nicht kannte: Solitude. Das gewählte Alleinsein. Im Deutschen haben wir nur Einsamkeit, und das klingt immer nach Mangel. Aber Solitude ist kein Mangel. Solitude ist Fülle. Es ist die Fähigkeit, mit sich selbst gut Gesellschaft zu sein.
Ich sitze allein. Und manchmal sitzt die Welt still mit mir am Tisch.