Der Tag beginnt in einer Lounge. Irgendwo in Berlin, ein Ort, den wenige kennen. Bequeme Sessel, kostenloses WLAN und Strom, Kaffee in kleinen Tassen. Ich sitze da, schreibe ein paar Nachrichten, räume meinen Kopf auf. Draußen ist es grau, aber nicht kalt. Berlin im Übergang, zwischen den Jahreszeiten, zwischen den Stimmungen.

Und dann stehe ich auf und gehe los. Ohne Plan, ohne Ziel, ohne Uhrzeit im Blick.

Das klingt romantischer, als es ist. In Wahrheit weiß ich nur, dass ich nicht mehr sitzen will. Dass die Stadt draußen ist und ich drinnen, und dass sich das falsch anfühlt. Also gehe ich. Durch die Drehtür, auf die Straße, in die Stadt hinein.

Das Regierungsviertel liegt in der Nähe. Die Gebäude werden größer, offizieller, wichtiger. Bundestag, Kanzleramt, diese ganze inszenierte Macht. Ich schaue nicht wirklich hin. Ich bin nicht hier, um etwas zu sehen. Ich bin hier, um zu gehen.

Dann öffnet sich die Stadt. Weniger Beton, mehr Grün. Ich erreiche den Tiergarten. Ich habe nicht danach gesucht. Er war einfach da. Das ist das Schöne am ziellosen Gehen.

Der Tiergarten ist riesig, aber er fühlt sich intim an. Die Wege schlängeln sich zwischen alten Bäumen, das Licht fällt gefiltert durch die Äste, und die Stadt ist plötzlich weit weg. Ich höre sie noch. Das Rauschen des Verkehrs, irgendwo, gedämpft, aber ich bin nicht mehr Teil davon.

Eine Stunde später, ich bin immer noch unterwegs. Ich weiß nicht, wo ich bin. Ich habe keine Karte, kein GPS, keine Orientierung. Und das fühlt sich frei an. Es fühlt sich richtig an.

Irgendwann stehe ich vor einem Restaurant. Asiatisch, schlicht, ein Schild an der Tür: „Finest Asian Cuisine". Ich bin nicht hungrig. Oder doch? Ich weiß es nicht. Aber irgendetwas zieht mich hinein. Vielleicht der Geruch, vielleicht die Stille, vielleicht einfach die Tatsache, dass meine Beine eine Pause verdient haben.

Drinnen ist es fast leer. Ein einziger anderer Gast, irgendwo in der Ecke, vertieft in sein Essen. Die Bedienung nickt mir zu, zeigt auf einen Tisch am Fenster. Ich setze mich. Bestelle, ohne lange nachzudenken. Reis, Lachs, Wokgemüse, Erdnusssauce. Draußen beginnt es zu regnen.

Der Regen kommt plötzlich und heftig, wie ein Vorhang, der fällt. Die wenigen Menschen auf der Straße rennen jetzt und suchen Unterschlupf. Sie verschwinden. Und ich sitze hier, am Fenster, trocken und warm, und schaue dem Regen zu. Sanfte Musik läuft im Hintergrund. Etwas Instrumentales, etwas Asiatisches, etwas, das ich nicht kenne, aber das passt.

Das Essen kommt. Ich esse langsam, schmecke jeden Bissen und nicke zufrieden. Ich schlürfe den heißen Tee. Ich bin hier.

Und dann passiert etwas.

Es ist kein Ereignis, kein Moment, den ich benennen könnte. Es ist wie eine Welle, die langsam anrollt und mich überspült. Eine Wärme, die von innen kommt. Ein Gefühl der Geborgenheit. Es ist als würde mir jemand die Hände an den Nacken legen. Sanft. Behutsam. Wie eine Massage, aber ohne Berührung. Wie eine Umarmung, aber von innen. Hier ist niemand. Nur ich, der Regen, die Musik. Und eben das Gefühl, dass innen und außen übereinstimmen - in Resonanz - sind. Ein warmes Ja.

Ich bezahle, bedanke mich, gehe hinaus. Der Regen hat nachgelassen, er ist nur noch ein leichtes Nieseln. Ich weiß immer noch nicht, wie spät es ist. Ich schaue nicht auf die Uhr, nicht aufs Handy. Was wäre der Gewinn? Zeit ist unwichtig.

Ich gehe weiter. Am Wasser entlang. Die Stadt ist nass und glänzt. Berlin nach dem Regen hat etwas Frisches, es riecht ganz anders, so als hätte jemand den Staub der Jahrzehnte abgespült. Ich gehe durch Moabit, glaube ich. Die Straßen werden normaler, alltäglicher. Wohnhäuser, Läden, Menschen, die sich wieder blicken lassen und ihrem Tag weiter nachgehen.

Plötzlich stehe ich vor Schloss Bellevue. Der Amtssitz des Bundespräsidenten. Weiß, prächtig und ein bisschen fehl am Platz in dieser Gegend.

Ich bin müde. Nicht erschöpft, aber voll von Eindrücken, die meisten vermeintlich banal. Ich steige in die S-Bahn, die mich Richtung nach Hause bringt.

Vor mir sitzt ein Vater mit seinem Sohn. Der Junge ist vielleicht fünf oder sechs, diese unbestimmte Altersphase, in der Kinder noch keine Masken tragen, neugierig und unverstellt. Er saugt alles auf, was draußen vorbeirauscht. Ein Feld. Ein Baum. Ein anderer Zug. Alles ist interessant. Alles ist neu. Nichts ist langweilig.

Offen. Staunend. Wach. Wir kommen auf die Welt, und alles ist ein Wunder. Jeder Lichtstrahl, jedes Geräusch, jede Berührung. Ohne Filter, ohne Urteil.

Heute habe mich verlaufen, ich wusste oft nicht, wo ich war, ich habe Sachen verpasst, die ich hätte sehen können. Nichts war spektakulär. Und dennoch: Es fehlt nichts.