Zwei Stunden zuvor saß ich noch auf einem Freisitz in Nürnberg. Stille, Sonne, keine Raucher. Auf einer Mauer entdeckte ich eine Inschrift, die dort vermutlich seit Jahren steht und die vermutlich niemand liest: „Ein Werk, ein Mensch, ein Wahrnehmen." Einer dieser Tage, an denen die Welt antwortet, bevor man die Frage gestellt hat.

Und jetzt sitze ich im ICE 504 Richtung Berlin. Ab Leipzig füllt sich der Zug. Ein 4er-Tisch, auf dem mein Laptop steht, meine Airpods, eine Teetasse, daneben gestapeltes Geschirr. Ich bin da. Ich schaue. Ich höre. Und was jetzt passiert, in den nächsten Minuten, wird ein so vollständiges Gegenbild zu Nürnberg, dass es fast choreografiert wirkt.


Eine Frau kommt. Sie telefoniert, das Handy zwischen Ohr und Schulter geklemmt, eine Hand am Rollkoffer, die andere irgendwo in der Luft. Sie setzt sich an meinen Tisch. Kein Blickkontakt, kein Nicken, kein „Ist hier noch frei?" – nichts. Sie setzt sich einfach hin, wie man sich auf eine Parkbank setzt, auf der ein Rucksack liegt. Man schiebt ihn beiseite.

Genau das tut sie. Sie schiebt mein Geschirr zur Seite. Greift über den Tisch, stapelt Tassen um, als wäre ich Luft. Dann klappt sie die Hälfte des Tisches zu und telefoniert weiter. In ihrer Welt bin ich eine Requisite. Ein Gegenstand, der im Weg steht und den man verschieben darf, weil er sich nicht wehrt.

Ich schaue sie an. Sie schaut durch mich hindurch.

Ich will mich ärgern. Aber der Beobachter in mir übernimmt. Das, was hier passiert, ist keine Unhöflichkeit. Es ist Abwesenheit. Diese Frau ist nicht hier. Sie ist in ihrem Telefonat, in ihrem Kopf, in ihrer eigenen Welt. Ich existiere in ihrem Bewusstsein nicht. Und das ist keine Bosheit. Es ist etwas viel Traurigeres: Sie hat verlernt, Räume zu betreten. Sie überbrückt sie nur.

Ich schaue genauer hin. Sie behält den Mantel an, obwohl es warm ist im Zug. In Leipzig waren es vierzehn Grad, kein Wetter für einen Wintermantel, aber sie hat ihn nicht ausgezogen. Die Handtasche hängt um ihren Hals, die Kopfhörer stecken im Ohr. Alles an ihr sagt: Ich bin nicht angekommen. Ich bin auf der Durchreise. Ich überbrücke die Zeit zwischen zwei Orten, und dieser hier, dieser Zug, dieser Sitz, dieser Mensch mir gegenüber, zählt nicht.

Es gibt Menschen, die in einem ICE ankommen. Die ihre Jacke ausziehen, sich einrichten, den Blick aus dem Fenster werfen. Die spüren, dass sie jetzt hier sind, für die nächsten zwei Stunden, und dass das in Ordnung ist. Und es gibt Menschen, die in einem ICE sitzen wie in einer S-Bahn. Drei Stationen, Augen zu, fertig. Die Frau mir gegenüber gehört zur zweiten Kategorie. Sie hat ein Einzelticket als PDF auf dem Handy, vermutlich vom Sekretariat gebucht. Sie fährt selten. Sie weiß nicht, wie man in einem Zug ankommt. Weil man dafür erst mal ankommen können muss.


Dann der Mann hinter mir. Over-Ear-Kopfhörer, die nicht der Musik dienen, sondern dem Telefonieren. Er spricht nicht, er performt. Laut, weit tragend, durch den ganzen Wagen. Dreißig Menschen werden zu unfreiwilligen Zuhörern eines Gesprächs, das sie nichts angeht und das sie trotzdem in allen Details mitbekommen.

„Wenn man mir Aufträge gibt und mich unter Druck setzt, dann kommt auch was Positives bei raus, aber ohne Druck arbeite ich nicht!"

Lautes Lachen. Sein eigenes.

„Ich dachte, ich sei der große Stratege, aber du bist ja noch der viel größere Stratege!"

Wieder lautes Lachen. Wieder sein eigenes.

„Ich bin nur das Front-Schwein!"

Lachen. Seines.

Ich sitze da und höre zu, obwohl ich nicht zuhören will. Und mir fällt auf: Jeder Satz ist eine Selbstdarstellung. Jedes Lachen ist eine Inszenierung. Dieser Mann führt kein Gespräch, er gibt eine Vorstellung. Für ein Publikum, das nicht existiert. Oder genauer: für ein Publikum, dessen Existenz er nicht wahrnimmt.

Sein Klingelton passt ins Bild. Ein Pfeifton, wie man einer attraktiven Frau hinterherpfeift. Sein „Hallooooo" beim Rangehen, lang gezogen, übertrieben laut, als wolle er sicherstellen, dass auch der letzte Fahrgast im Großraumwagen weiß: Hier ist jemand Wichtiges. Hier passiert etwas.

Nach dem Telefonat bleiben die Kopfhörer auf. Nicht weil er Musik hört. Sondern weil sie eine Mauer sind. Ein permanentes Signal: Sprich mich nicht an. Ich bin beschäftigt. Ich bin wichtig. Ich bin nicht erreichbar.

Over-Ears als universelles Do Not Disturb. Nicht als vorübergehender Zustand, sondern als Lebenshaltung.


Und dann die dritte Szene, die leiseste von allen. Hinter mir hat jemand eine Jacke aufgehängt. Die Kordeln der Kapuze schaben bei jeder Bewegung an der Plastikverkleidung des Zuges. Ein feines, rhythmisches Kratzen. Leise genug, dass es niemand bemerkt, der nicht bemerkt.

Aber ich bemerke es.

Ich bemerke es, weil mein Mikrofon offen ist. Dasselbe offene Mikrofon, das in Nürnberg die Inschrift auf der Mauer eingefangen hat. Dasselbe Mikrofon, das jetzt jeden Reiz einfängt: die Geschirr-Schieberin, das Front-Schwein, die schabende Kordel. Gleiche Fähigkeit. Andere Richtung. Fluch und Segen in derselben Verpackung.

Hochsensibilität ist kein Dimmer, den man regulieren kann. Es gibt keine Einstellung, die sagt: Nimm die schönen Dinge wahr und blende den Rest aus. Das offene Mikrofon nimmt alles auf. In Nürnberg war alles, was es einfing, ein Geschenk. Hier im ICE ist alles, was es einfängt, ein Angriff.


Drei Szenen, drei Menschen, ein Muster: Niemand nimmt den anderen wahr. Die Frau merkt nicht, dass sie das Geschirr eines Fremden wegschiebt. Der Mann merkt nicht, dass dreißig Leute mithören. Die Jackenbesitzerin merkt nicht, dass ihre Kordeln schaben. Nicht böswillig. Einfach nicht da. Abwesend. Wie Kinder, die sich die Augen zuhalten und glauben, sie seien unsichtbar. „Ich höre dich nicht, also hörst du mich auch nicht."

Es ist, als säße ich in einem Kabinett der Abwesenheit. Ein Raum voller Menschen, die alle gleichzeitig ihr eigenes Stück spielen, ohne zu bemerken, dass sie auf derselben Bühne stehen. Jeder für sich. Jeder in seiner Blase. Jeder in einem Kokon aus Kopfhörern, Telefonaten und Mänteln, die man nicht auszieht.

Und dann wundert man sich, dass man nichts mehr spürt.

Die Kopfhörer-Kultur. Over-Ears als permanente Mauer, auch wenn nichts läuft. Kleine In-Ears unter den Haaren versteckt. Sonnenbrillen. Kapuzen. Die komplette Sinnesabschottung, Schicht für Schicht, bis nichts mehr durchkommt. Kein Blick, kein Geräusch, kein Mensch. „Sprich mich nicht an" als Standardeinstellung. Nicht als Ausnahme, nicht als Schutz in einem überreizten Moment, sondern als Dauerzustand.

Ich frage mich, ob die Menschen in diesem Wagen wissen, wie viel sie verpassen. Ob die Frau mir gegenüber ahnt, dass sie gerade neben jemandem sitzt, der sie sieht. Ob der Mann mit den Over-Ears jemals erfahren wird, was dreißig Menschen über ihn gedacht haben. Ob die Jackenbesitzerin jemals dieses leise Schaben hören wird, das seit zwanzig Minuten den Rhythmus meiner Gedanken bestimmt.

Vermutlich nicht. Und das ist keine Kritik. Es ist eine Beobachtung, eine traurige, stille.


Und dann passiert etwas, womit ich nicht gerechnet habe. Die Geschirr-Schieberin, diese Frau, die mich behandelt hat wie ein Möbelstück, entpuppt sich als die faszinierendste Person im ganzen Wagen.

Sie holt eine Karte hervor. Eine leere Geburtstagskarte. „Happy Birthday" steht auf dem Umschlag, und innen ist noch nichts geschrieben. Dann zückt sie das Handy.

Ich beobachte, wie sie einen Spruch sucht. Google oder ChatGPT, ich kann es nicht genau sehen. Ihre Stirn kraust sich, sie atmet schwer, als koste sie diese Aufgabe echte Überwindung. Dann beginnt sie zu schreiben.

„Wir…" Mehrzahl. Obwohl sie allein sitzt. Sie schreibt im Namen einer Gruppe, die nicht da ist. Und die Schrift wird immer größer. Je größer die Buchstaben, desto weniger passt auf die Karte, desto weniger muss man schreiben. Es ist eine so menschliche Strategie, dass ich fast lächeln muss. Effizienz, auch beim Gratulieren.

Die Karte ist für Rick. Einen Kollegen, vermutlich. Einen Menschen, der morgen Geburtstag hat oder kürzlich hatte. Und diese Frau, diese abwesende, durch-mich-hindurchschauende Frau, nimmt sich die Zeit, ihm eine Karte zu schreiben. In einem ICE, irgendwo zwischen Leipzig und Berlin.

Aber es wird noch besser.

Sie holt einen roten Textmarker heraus und beginnt, bunte Luftballons an die Ränder der Karte zu malen. Kleine, runde Ballons mit Fäden dran, mal rot, mal schief, mal zu groß. Da ist eine verspielte Sorgfalt in ihren Strichen, die überhaupt nicht zu der Frau passt, die mir vor zwanzig Minuten das Geschirr beiseitegeschoben hat. Da steckt mehr drin als Pflicht. Da steckt Zuneigung drin, auf eine chaotische, unbeholfene Art.

Und dann kommt der Höhepunkt.

Mit dem Textmarker, demselben, mit dem sie gerade noch Luftballons gemalt hat, beginnt sie, Unterschriften zu fälschen. Zwölf Stück. Sie hält in der einen Hand das Handy, auf dem die WhatsApp-Kollegenliste geöffnet ist, damit sie keinen Namen vergisst. In der anderen den Textmarker. Und dann schreibt sie. Verschiedene Handschriften, mal schräg, mal gerade, mal groß, mal klein. Manche Unterschriften kringeln sich in die Ecken, andere stehen schief am Rand. Handwerklich, muss ich zugeben, ist es solide Arbeit. Eine Ein-Frau-Fälscherwerkstatt im ICE.

Ich sitze keine fünfzig Zentimeter entfernt und beobachte, wie diese Frau gerade eine kollektive Lüge konstruiert. Zwölf Kollegen, die diese Karte nie gesehen haben. Zwölf Unterschriften, die keiner dieser Menschen je geleistet hat. Vielleicht sogar zwölf Zustimmungen, die niemand gegeben hat?

Und morgen im Büro wird Rick die Karte bekommen. Er wird den gegoogelten Spruch lesen und sich vielleicht kurz freuen. Er wird die Luftballons sehen und denken: Nett. Dann wird er die zwölf Unterschriften zählen und sich bei jedem einzeln bedanken. Zwölf Mal „Danke, das war lieb von euch." Und zwölf Kollegen werden rot anlaufen, weil sie nicht wissen, was sie angeblich unterschrieben haben. Aber keiner wird widersprechen. Weil man so etwas nicht tut. Weil man den Moment nicht zerstört. Weil es einfacher ist zu nicken als zu erklären.

Eine Frau. Ein ICE. Ein Textmarker. Und morgen steckt ein ganzes Büro in einer freundlichen, gutgemeinten, komplett erfundenen Gemeinschaftsgeste.

Ich weiß nicht, ob ich das rührend finde oder tragisch. Vielleicht beides. Rührend, weil diese Frau trotz ihrer Abwesenheit, trotz ihres Funktionsmodus, trotz ihrer Unfähigkeit, die Menschen im Raum wahrzunehmen, offenbar eine Art von Fürsorge in sich trägt. Sie will, dass Rick eine schöne Karte bekommt. Sie will, dass er sich geschätzt fühlt. Sie gibt sich Mühe. Auf ihre Art.

Und tragisch, weil eine komplette Geburtstagsgeste entsteht, ohne einen einzigen echten Moment. Kein Kollege hat an Rick gedacht. Kein Kollege hat einen Stift in die Hand genommen. Kein Kollege hat sich überlegt, was er Rick wünschen möchte. Eine Frau hat alles übernommen: den Spruch, die Dekoration, die Unterschriften, die ganze verdammte Emotion. Outsourcing von Menschlichkeit. Stellvertretende Zuneigung. Ein Geschenk, das von dreizehn Menschen kommt und von einer einzigen Frau gemacht wurde.

Rick wird es nie erfahren. Und vielleicht ist das auch besser so.


Der Zug nähert sich Berlin. Die Frau mir gegenüber steckt die fertige Geburtstagskarte in ihre Tasche. Der Mann mit den Over-Ears hat aufgehört zu telefonieren. Die Kopfhörer bleiben auf. Die Kordeln hinter mir schaben immer noch.

Wir steigen aus. Die Luft ist kalt. Der Bahnsteig ist voll. Menschen strömen in alle Richtungen, Kopfhörer auf, Blick aufs Handy, Rollkoffer hinter sich herziehend.

Doch die Hoffnung bleibt. Unter all den Schichten, schimmert immer etwas durch.