Seit Wochen drehe ich mich im Kreis. Ich will etwas starten – einen Ort für Texte, Beobachtungen, Resonanzerlebnisse. Resonanzwanderer. Aber die Fragen türmen sich: Für wen schreibe ich? Welches Format? Welche Stimme? Unter welchem Namen? Was erwarte ich davon?
Planung als Vermeidung.
Heute stehe ich in der Küche, Zucchini in der Pfanne, iPad aufgestellt. Auf YouTube ist ein Video, das ich nicht gesucht habe: “Warum wir mehr improvisieren sollten.” Es geht um Jazz. Nicht um Noten, nicht um Theorie – um die Haltung dahinter. Musiker, die nicht wissen, was als nächstes kommt, und genau deshalb spielen. Die den ersten Ton setzen, ohne den zweiten zu kennen.
Am Ende fällt ein Begriff, der mich aufhorchen lässt: Retrospektive Sinnstiftung. Der Sinn entsteht nicht vorher. Er zeigt sich hinterher. Du spielst, und im Rückblick erkennst du das Muster.
Ich kenne das. Nicht nur aus Bullay, wo ein ausgefallener Zug den besten Tag des Jahres einleitete. Und ich kenne das aus meinem ganzen Berufsleben.
Vor ein paar Jahren kaufte ich mir eine BahnCard 100. Unbegrenztes Zugfahren, ein Jahr lang. Ich wurde zum Vielfahrer, lebte und arbeitete praktisch auf Schienen. Freunde und Familie fragten mich oft, wo ich gerade sei, wohin ich gerade fahre. Und mir kam die Idee, eine kleine Webseite zu bauen, die das zeigt. Ich konnte in Züge “einchecken”, man sah die Strecke, die ich fuhr, und jeder wusste Bescheid. Und diese Webseite ist gewachsen ganz natürlich. Keine Marktanalyse, kein Businessplan, kein Pitch Deck. Ich erweiterte sie um eine Zugsuche, später eine Routensuche, die Liste der Lounges, und so weiter. Und irgendwann fragte mich jemand: Kann ich das eigentlich auch für meine Zugfahrten nutzen? Und ein anderer fragte: Warum machst du nicht eine App daraus? Gefragt, genickt, getan. Und ich machte es öffentlich. Die App wuchs, nicht nach Plan, sondern nach Resonanz. Jemand brauchte etwas, und ich antwortete.
Heute hat die App knapp 1 Million Downloads. Sie ist auf Platz 2 bei der Suche nach “Bahn” im App Store. Top Bewertungen. Reisende, Lokführer und Zugbegleiter nutzen und loben sie.
Aber das Entscheidende ist: Hätte mich vor Jahren jemand gefragt, was der Plan ist, hätte ich gesagt: Es gibt keinen. Es gab ein Bedürfnis, einen Impuls, einen ersten Ton. Der Rest hat sich ergeben. Das ist retrospektive Sinnstiftung.
Und genau so fühlt sich dieser Moment an. Resonanzwanderer hat keinen Businessplan. Es gibt kein Redaktionskonzept, keinen Veröffentlichungsrhythmus, keine Zielgruppenanalyse. Es gibt nur das, was seit Jahren rauswill: Beobachtungen, Erlebnisse, Fragen und vielleicht auch Erkenntnisse. Texte, die entstehen, weil sie entstehen wollen, und nicht weil jemand sie bestellt hat.
Vielleicht wird daraus ein Blog. Vielleicht ein Newsletter. Vielleicht ein Buch. Vielleicht etwas, das noch keinen Namen hat.
Ich weiß es nicht. Und nicht zum ersten Mal fühlt sich das richtig an.
Das hier ist der erste Ton.